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Interview Willkommen Prof. Dr. Anne-Christine Brehm

Zum Sommersemester 2026 begrüßen wir Dr. Anne-Christine Brehm als neue Professorin für Mittelalterliche Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Architektur und Baugeschichte. Am Karlsruher Institut für Technologie habilitierte sie sich über das Ulmer Münster im Zentrum von Architektur- und Bautechniktransfer. Zuletzt war Dr. Brehm als Münsterbaumeisterin in Freiburg tätig und gibt uns im Interview spannende Einblicke in die baugeschichtliche Forschung und Praxis.

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Anne-Christine Brehm

Sie haben Architektur studiert und sind heute Kunsthistorikerin – was hat Sie an dieser Schnittstelle besonders gereizt?

AB: Die Beschäftigung mit historischen Bauten und der Baugeschichte sind ein wichtiger Teil des Architekturstudiums und haben mich schon immer interessiert. Ich würde mich auch eher als Architektur- oder Bauhistorikerin bezeichnen, da ich mich mit Architektur besonders gut auskenne. Mich beschäftigt die Frage danach, wie gebaut wurde und wie es gelingt, historische Bauten über Jahrhunderte zu erhalten.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Bauhüttenwesen und mit historischen Bauprozessen – was macht diesen Bereich für Sie so spannend?

AB: Mich fasziniert zum Beispiel, wie es ohne moderne Hilfsmittel und ohne statische Berechnungen gelungen ist, den 116 Meter hohen Freiburger Münsterturm zu errichten, wie der Baubetrieb einer über Jahrhunderte dauernden Baustelle organisiert wurde, wie Erfahrungen, Techniken und Entwürfe ausgetauscht wurden. Die Bauhütten arbeiten an den Prestigebauten des Mittelalters, waren und sind untereinander vernetzt und sind an Bauten wie dem Straßburger oder dem Freiburger Münster seit über 800 Jahren tätig. 

In Ihren Arbeiten spielen Quellen wie Rechnungen oder Baurisse eine große Rolle – was kann man daraus über das Mittelalter lernen, das man auf den ersten Blick gar nicht sieht?

AB: Die Rechnungen und die Baurisse geben einen direkten Einblick in den Planungs- und Organisationsprozess. Die Baurisse zeigen zum Beispiel, dass jeder neue Meister einen neuen Entwurf vorgelegt hat und dass bei der Umsetzung wiederum Änderungen vorgenommen wurden. Die Sammlungen von Baurissen in Wien, Ulm oder Straßburg zeigen den Austausch von Planzeichnungen zwischen den verschiedenen Baustellen. Die Rechnungen geben Aufschluss über die beteiligten Gewerke, die Anzahl der Baubeteiligten, teilweise auch deren Herkunft, und deren Verweildauer am Bau. Außerdem kann man die Herkunft der Baumaterialien nachvollziehen und verschiedene Bauabschnitte mithilfe der Quellen genauer zeitlich einordnen. Es gibt den Quellen noch vieles mehr zu entnehmen und gerade der Abgleich der Quellen mit dem Bau ist sehr aufschlussreich.

Ihr Buch spricht vom „Netzwerk Gotik“ – kann man sich mittelalterliche Baukunst tatsächlich als ein europaweites Netzwerk vorstellen?

AB: Ja und nein. Es zeigt sich, dass Sprachgrenzen schon eine Rolle spielten, aber auch immer wieder überwunden wurden. Im deutschsprachigen Bereich waren die Steinmetzmeister der spätmittelalterlichen Großbauten in engem Austausch. Ein schnelles Überbringen von Nachrichten konnte über die wandernden Steinmetze erfolgen. Die Auswertung der Rechnungsbücher des Ulmer Münsters zeigt, dass ein Großteil der Steinmetze nur wenige Wochen am Bau tätig war und Steinmetze aus dem damaligen Ungarn auf Steinmetze aus den Niederlanden trafen. 

Sie waren Münsterbaumeisterin am Freiburger Münster – nehmen Sie uns einmal durch Ihren Arbeitsalltag dort mit?

AB: Als Münsterbaumeisterin in Freiburg führt man einen Betrieb mit 38 Mitarbeiter:innen und 5 Abteilungen. Neben der Münsterbauhütte mit 16 Steinmetz:innen und drei Auszubildenden sowie dem Teilbereich Dokumentation und Sammlungen gibt es die Verwaltung, eine Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising, Kunstgeschichte und Wissenschaft und den Münsterladen. Der Arbeitsalltag besteht daher aus vielen Besprechungen zu sehr unterschiedlichen Themen rund ums Freiburger Münster.

Gab es während dieser Zeit einen Moment oder ein Erlebnis am Münster, das Sie besonders überrascht oder geprägt hat?

AB: Es gab viele schöne Erlebnisse und Begegnungen. Mich faszinieren die Steinmetzarbeiten, insbesondere die komplizierten, spätgotischen Formen. Zu sehen wie eine Kreuzblume, ein Baldachin oder eine Konsole über Wochen und Monate hinweg, Stück für Stück, aus einem Steinblock herausgearbeitet werden, hat mich besonders beeindruckt. 

Wie verändert sich der Blick auf mittelalterliche Architektur, wenn man nicht nur darüber forscht, sondern selbst für ein Bauwerk verantwortlich ist?

AB: Man sieht nur noch Schäden. Als Bauforscherin habe ich mich beim Betrachten eines mittelalterlichen Bauwerks immer auf die Spuren der Steinbearbeitung, auf Steinmetzzeichen, Baufugen oder Abarbeitungen konzentriert, jetzt sehe ich Abplatzungen, Schalen, Risse und Manganverfärbungen. Ich hoffe, dass sich mein Blick mit dem veränderten Fokus auch wieder anpasst…

Was können Studierende der Kunstgeschichte heute von der praktischen Arbeit an einem Bauwerk wie dem Freiburger Münster lernen?

AB: Die Arbeit der Bauhütte heute unterscheidet sich von der Arbeit im Mittelalter hauptsächlich im Arbeitsschutz, durch Steinsäge und Druckluftmeißel sowie gedruckten Schablonen. Das Vorgehen ist dasselbe. Man kann also aus der Arbeit heute etwas über die Arbeit im Mittelalter erfahren. Die Restaurierungsgeschichte des Freiburger Münsters zeigt, dass neuere Materialien sich nicht bewährt haben. Heute findet hauptsächlich die Restaurierung der Restaurierung statt. Das Wissen um die mittelalterlichen Materialien, Techniken und Rezepturen ist daher auch für den Erhalt wichtig. Die Arbeit am Freiburger Münster zeigt zudem, dass es gelingen kann, ein mittelalterliches Gebäude über Jahrhunderte zu nutzen und zu erhalten, aber auch die Anstrengung und die verschiedenen Akteure, die es dafür braucht. 

Welche Rolle soll Praxis – also etwa Bauforschung, Materialkenntnis oder Arbeit vor Ort – in Ihrem Unterricht hier in Heidelberg spielen?

AB: Im Sommersemester starte ich schon mit der Beteiligung an der Summerschool Denkmalpflege, mit dem zugehörigen Seminar zur Archivrecherche und mit einem Seminar zur Einführung in die Bauforschung an der Heiliggeistkirche. Ich freue mich sehr darauf die Heidelberger Architektur in die Lehre einzubauen. Den Studierenden die Möglichkeit zu geben, einen Einblick in mögliche Berufsfelder zu bekommen, halte ich für sehr wichtig.

Gibt es einen Ort am Freiburger Münster, den Sie vermissen werden?

AB: Mir wurde zugesichert, dass ich immer willkommen bin, daher ist es kein Abschied für immer. Die Bauhütte und die Mitarbeiter:innen werde ich sicher vermissen. Außerdem den Schlüssel zum Münster und für die Gerüste. Meinen Lieblingsort werde ich hoffentlich noch einige Male besuchen dürfen: die sog. Chorplattform, die Steindächer auf Chorkapellen und -umgang unter den filigranen Strebebögen. Es würde mich freuen, wenn bald eine Exkursion dahin führt.

Interview: Susann Henker | Foto: Steffen Fuchs