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Nichts wie hin: Aktuelle Ausstellungen im Blick

Hier möchten wir als Dozent:innen am IEK das Vergnügen teilen, Kunst und anderes Visuelles in Ausstellungen wahrzunehmen: als Einladung zum „sehenden Sehen“ (M. Imdahl), zum kommunikativen Austausch und zur reflektierten Auseinandersetzung. Idealerweise erfahren Sie in nur 3-5 Sätzen, ob und warum sich ein Weg in diese Ausstellung lohnt…

Die Fotos (wenn nicht anders gekennzeichnet) wurden von den Autor:innen selbst in der jeweiligen Ausstellung aufgenommen.

Köln, Museum Ludwig: Yayoi Kusama (bis 2. August 2026)

Gepunktete Kürbisse und wundersame Tentakel sind derzeit im Museum Ludwig zu sehen. Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens widmet das Haus Yayoi Kusama eine große, eindrucksvolle Ausstellung. Mit fast 300 Werken sind die Räume des Sonderausstellungsbereichs dicht bestückt und eröffnen einen umfassenden Blick auf das Œuvre der japanischen Künstlerin – von den frühen Anfängen bis heute. Blumenmuster, Gitternetze und Polka Dots durchziehen ihr medial vielseitiges Werk. Neben zahlreichen kleinformatigen Arbeiten auf Papier begeistern vor allem die textilen Arbeiten. Zu den wirkungsvollsten Installationen zählt der sogenannte „Infinity Room“ und auch die Blumen vor der Kulisse des Kölner Doms sind eindrucksvoll inszeniert. Aufgrund des Massenandrangs an Besucher*innen ist es allerdings schwer den vielen (kleinformatigen) Arbeiten die nötige Zeit zur Betrachtung zu widmen. Mitunter drängt sich zudem der Eindruck auf, dass die Ausstellung auch der Logik folgt, Werke möglichst „instagramtauglich“ in Szene zu setzen. Dennoch lohnt sich das Anstehen – wer hinfährt, sollte allerdings unbedingt vorher Tickets buchen und ein bisschen Zeit mitbringen. 

Eine bunte gepunktete Blume vor dem Kölner Dom

Jena, Kunstsammlung Jena: Jonathan Meese. Mein/Dein „„K.U.N.S.T.K.O.R.P.S.“ – Richard Wagnerz“! (Erzverbindungen der Totalstliebe!!!!!!!!) Trommelndes Gesamtkunstwerk De Large! (bis 6. Juni 2026)

Warum es sich in der Kunst lohnt, Provokationen auszuhalten, lässt sich bei Jonathan Meese erleben, der in seinem Schaffen die „Diktatur der Kunst“ ausgerufen hat. Die Jenaer Ausstellung konzentriert sich auf Meeses Arbeit am Wagner-Mythos, dessen von totalitären Potentialen kontaminierte Idee des Gesamtkunstwerks von Meese in Gemälden, Objekten und am eindrücklichsten in einer Richard Wagner gewidmeten multimedialen Grotte/Gruft dekonstruiert wird. Immer scharf auf der Grenze zwischen Blöd- und Tiefsinn, lässt uns Meese ungeahnte Dimensionen in sinnreich verknüpften Bildern, Slogans, Texten und Gegenständen aus Populärkultur und eigener Biographie entdecken. Auch der auf der Bühne gezeigte Hitlergruß wird so als spielerischer Befreiungsschlag eines Kunst-Kindskopfes erkennbar, dessen schauspielernde Präzision in den Filmaufnahmen ebenso bewundernswert ist wie die leichthändige Pinselarbeit an den bedeutungsschweren Gestalten des Wagner-Universums. Also (wer kann) auf nach Jena, und dann los, mit Meese gesprochen: „ENTGRALT ALLE(S)“!

Blick in die Ausstellung in Jena

Dresden, Albertinum: Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens (bis 31.5.2026)

Warum Modersohn-Becker und Munch in einer Doppelausstellung? Der von unterkomplexem Ausstellungsmarketing genährte Verdacht, in Dresden traue man sich noch immer nicht, das Werk einer malenden Frau für sich allein sprechen zu lassen, zerstreut sich in der Ausstellung rasch. Denn im Gegenüber der Werke erhellt sich, wie die von Lebensreform und Vitalismus um 1900 aufgeworfenen „großen Fragen“ von beiden ähnlich aufgegriffen und doch unterschiedlich beantwortet wurden: Wo Munch das Wechselspiel ungewisser Schicksale in der Spannung der Geschlechter imaginiert (Ibsens Dramen werden in der Ausstellung zu Recht herbeizitiert), sucht Modersohn-Becker die individuelle Ausprägung der ewigen Werte des Menschlichen (vgl. antike Mumienporträts) in geradezu intimen Blicken auf Mütter, Kinder und Alte herauszuleuchten. Beide künstlerische Haltungen treffen sich in den ebenso starken wie fragilen Selbst-Porträts, mit denen die überraschend instruktive Ausstellung beginnt. Weitere Dimensionen (wie Naturbilder, das Landschaftliche oder die Spannung von Jugend und Alter) werden auch mit Vergleichswerken anderer Künstler erschlossen.

Blick in einen Ausstellungsraum mit Gemälden von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch sowie einer Skulptur eines stehenden Mannes

Riehen/Basel, Fondation Beyeler: Cezanne (bis 25.5.2026)

Wer verstehen will, was Paul Cézanne mit seinem Begriff der malerischen ‚realisation‘ meinte, muss sich die aktuelle Ausstellung in der Fondation Beyeler ansehen: Man kann hier erfahren, wie der Maler vor allem in seinem Spätwerk frei von den Konventionen optisch genauer Nachahmung den Bergen, Figuren und Stillleben eine eigene Wirklichkeit verleiht, die in der Zusammenschau von Farb- und Lichtmodulationen auf der stellenweise noch sichtbar gelassenen Leinwand erst im Blick der Betrachtenden entsteht. Hochkarätige Leihgaben aus renommierten und unbekannten Sammlungen bieten dabei seltene Gelegenheiten, im vergleichenden Sehen das Eigene der Versionen etwa der „Montaigne Sainte-Victoire“ zu erkennen.

Besucher vor Gemälden von Paul Cézanne mit der Montaigne Sainte-Victoire

Frankfurt am Main, Museum für Angewandte Kunst + saasfee*pavillon: AI-Worlding - Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen (bis 26.4.2026)

Die Spannungen und Verwerfungen, die das Auftreten künstlicher Welten in der Realität des KI-Zeitalters verursacht, untersucht eine Gruppenausstellung der Hochschule für Gestaltung Offenbach im MAK und im saasfee*pavillon in Frankfurt. Dabei reicht das Spektrum von Gemälden, die vollständig auf Anweisung von KI-Systemen gemalt wurden, über trotz technologischer Basis ganz individuell erscheinende Bild-, Text- und Klangwelten bis zur endgültigen „Bestattung“ eines über zehn Jahre am Leben gehaltenen Avatars der Künstlerin allapopp. So wie hier im phantasievollen Einsatz von KI-Werkzeugen die Grenzen zwischen der Anwendung und Simulation algorithmischer Verfahren verschwimmen, stellen sich in den gezeigten Arbeiten (und temporären Performances) umso deutlicher Fragen nach der Handlungsmacht von Menschen und Maschinen, nach dem Erhalt kreativer Freiheit und nach den Potentialen, die künstlerische Forschung in unübersichtlichen hybriden Wirklichkeiten entfaltet.

zwei Videowände im Ausstellungsraum zeigen KI-generierte Avatare

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